Bei der Frage, ob man sich als Organisation eine Social Community anschaffen soll, spielt für den Betreiber immer die Akzeptanz der Plattform eine zentrale Rolle. Werden die Mitglieder die Community wirklich nutzen? Wie viele Profile werden angelegt? Wie werden die Mitglieder die Community nutzen? Das Modell von Jakob Nielsen gibt mit der 90-9-1-Regel eine Antwort auf die Fragen. Doch die Formel ist bereits fünf Jahre alt – Paul Schneider, Gründer von socious, erhob deshalb neue Daten und stieß dabei auf eine interessante Entwicklung.
Der Webdesign-Experte Jakob Nielsen stellte 2006 die sog. 90-9-1-Regel über die Beteiligung von Mitgliedern in Social Communities auf. Diese Regel besagt, dass es drei Nutzertypen in Communities gibt:
- Lurkers sind zwar eingeloggt und schauen sich Inhalte an, steuern aber aktiv nichts zur Community bei
- Commenters kommentieren bzw. beantworten bereits bestehende Artikel, Blogs, Fragen oder ähnliches
- Creators bewegen sich sehr aktiv in der Community, d.h. sie schreiben Artikel, erstellen Blogs, usw.
Diese Nutzertypen treten laut Nielsen in der folgenden Verteilung auf:
- 90% sind Lurkers
- 9% sind Commenters
- und nur 1% sind Creators.
Diese These schreckt viele Organisationen natürlich ab. Warum sollte man Geld und Zeit in den Aufbau einer Online Community stecken, in der sich nur 1% der Nutzer wirklich aktiv beteiligen bzw. sich nur 10% überhaupt beteiligen?
Doch passt diese Unterstellung wirklich in unsere Zeit der florierenden Social Networks? In eine Zeit, in der Facebook dazu beigetragen haben soll, Diktatoren zu Fall zu bringen? Zu einer Generation, die angeblich nur noch über das Internet lebt? … Eigentlich nicht.Die 90-9-1-Regel wurde aber bereits vor 5 Jahren aufgestellt. 5 Jahre kommen in unserer medialen Welt einem halben Jahrhundert gleich. Nehmen wir als Beispiel das weltweit größte Social Network: Facebook steckte mit „lediglich“ 16 Mio. Nutzern 2006 noch in den Kinderschuhen, und im Jahr 2011 hat Facebook bereits 800 Mio. Nutzer.Das Beispiel zeigt deutlich, dass die Beliebtheit von Social Networks in den letzten 5 Jahren stark zugenommen hat. Könnte sich nicht auch das Nutzerverhalten geändert haben?
Genau dieser Frage ist der Blogger und Socious-Gründer Paul Schneider in seinem Blogbeitrag auf den Grund gegangen und er kam zu einem interessanten Ergebnis. Er meint, die 90-9-1-Regel habe sich zu einer 70-20-10-Regel gewandelt. Wie kommt Schneider zu dieser Annahme?
Er führte eine eigene Studie durch und korrigierte die “90% + 9% + 1% = 100%”-Grundannahme von Nielsen. Demzufolge ging Nielsen davon aus, dass jedes angemeldete Mitglied eines Social Networks dieses auch nutzt. In der Realität gibt es aber Profile, die nicht genutzt werden, zum Beispiel Profile von ehemaligen Mitgliedern oder von Gästen. Diese ungenutzten Profile berücksichtigte Schneider in seiner Studie nicht mehr, und dadurch ergab sich eine 70-20-10-Verteilung (s.u.).
Aus den gesammelten Daten lassen sich nun folgende Schlüsse ziehen: Die Anzahl der Commenters hat sich erhöht, d.h., mehr Leute kommentieren. Folglich sind die Leute heute eher dazu bereit, sich zu Artikeln oder Ähnlichem zu äußern. Die aber weit auffälligere Entwicklung ist die gestiegene Anzahl der Creators (bis zu 17%). Sie zeigt deutlich, dass Social Networks als neues Medium angenommen wurden und auch vermehrt zur Meinungskundgebung genutzt werden.
Von dieser Entwicklung können v.a. Organisationen, Verbände oder Unternehmen mit einer eigenen Social Community profitieren. Beispielsweise haben Verbände heutzutage oft mit sinkenden Mitgliederzahlen und veralteten Kommunikationswegen zu kämpfen. Eine Social Community kann dazu beitragen, wieder Interesse bei den Mitgliedern zu wecken. Interessierte Mitglieder bringen sich mehr in einen Verband ein (evtl. auch finanziell) und beleben das Verbandsleben mit Dynamik und Kommunikation. Für den Verband hat die Community auch einen großen Wert bei der Entscheidungsfindung, weil der Vorstand bei einer Streitfrage die Mitglieder selbst direkt über die Community befragen kann.
Leichtfertig wird oft behauptet, dass der heutigen Generation das Engagement für die Dinge, die um sie herum geschehen, fehlt. Vielleicht wird dabei aber die Medienwahl außer Acht gelassen – denn gerade die neuen und sozialen Medien bezeugen, wie sehr sich die junge Generation für verschiedenste Belange engagiert.
Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Ist die 70-20-10-Einschätzung von Schneider eher optimistisch, realistisch oder gar pessimistisch?




Wie fast immer bei solchen Statistiken fehlt es an einer genauen Definition der untersuchten Terme.
Ist jemand der bei youtube.com oder einer der hunderttausend “wir sammlen lustige Bildchen”-Sites auf “Share” klickt und damit einen “Artikel” auf einer Social Networking Site einstellt ein “Creator”?
Ist jemand der als Kommentar dazu schreibt “lustig” ein Commenter?
Hat das irgendwas mit “Meinungsäußerung” oder gar “Engagement” zu tun?
Nimmt man als Beispiel die Guttenberg-Affäre mit 3 Millionen “Like”s auf Facebook und dann gerade mal 2000 Leuten, die dafür auf die Straße gehen würde ich sagen: Nein.
Wenn man obige Fragen jedoch mit “ja” beantwortet geht die Pyramide von Schneider sicher in Ordnung, aber war dies auch die Grundlage der Pyramide von Nielsen?
Hallo Herr Stumpf,
danke für Ihren Kommentar und Ihre mehr als berechtigte Frage (“Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast…”).
Nielsen gibt in seiner ursprünglichen Arbeit eine etwas genauere, wenn auch nicht abschließende Definition (bitte sehen Sie auch unter http://www.useit.com/alertbox/participation_inequality.html):
Nach meiner Interpretation von Nielsens Definition ist jegliche Form der Mitwirkung von Nutzern in einer Social Community eine Aktivität. Dies bedeutet: Etwas “liken” oder einen Inhalt mit jemandem “sharen” oder einen Kommentar zu etwas posten oder jemanden “taggen” ist bereits eine Aktion – stellt sich nur die Frage nach der Definition für den Zeitraum.
Engagement ist in diesem Zusammenhang als aktiv-werden in einer Social Community zu verstehen. Inwiefern dieses Engagement sich im “realen Leben” widerspiegelt (Ihr Guttenberg-Beispiel), ist natürlich eine andere Frage – oder der nächste Entwicklungsschritt?
Hallo Herr Dr. Habermann,
mit Ihrer Interpretation sind die Zahlen natürlich plausibel, denn Content oder Kommentare mit nur einem einzigen Klick ohne weitere Aktion oder gar geistige Anstrengung zu kreieren hat eine extrem geringe Barriere und diese Vereinfachung gab es vor 5 Jahren einfach noch nicht, da musste man noch selbst per Copy’n Paste und einer Tastatur zugange sein.
Vor gut einem Jahr hatte schon Forrester Research die Passivität der meisten Nutzer sozialer Netzwerksysteme “beweint” und es gibt durchaus Ansätze, wie den von Chris Brogan http://www.chrisbrogan.com/social-media-metrics/ , etwas verlässlichere Aussagen zu treffen.
Mein damaliger Kommentar dazu: http://blog.maexotic.de/archives/235-Der-Hype-Train-faehrt-weiter.html
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